Heavy Metal ist eine «Familie». Heavy Metal ist eine «Global Brotherhood» (und zunehmend auch eine «Sisterhood»). Heavy Metal ist eine «verschworene Gemeinschaft». Heavy Metal ist sogar eine «Kirche» (natürlich eine «Metal Church»). Solche oder ähnliche Aussagen hört und liest man häufig. Heavy Metal, so scheint es, bietet nicht nur starke Musik, sondern auch eine starke Gruppenidentität – eine Identität, die verbindet und Halt gibt. Aber was ist das eigentlich, eine Metal-Identität?
Identität ist eine heikle Kategorie, wenn es um Gruppen geht. Zwar brauchen wir alle eine Gemeinschaft, in der wir uns aufgehoben und verstanden fühlen. Aber Identitätsgruppen neigen dazu, sich gegen andere abzugrenzen, die eigene Identität als die überlegene zu inszenieren und schlussendlich eine starre, dogmatische Weltsicht zu entwickeln. So verhält es sich oft mit Religionen, so verhält es sich oft mit politischen Ideologien, so verhält es sich oft auch mit Kulturen, die sich anderen überlegen fühlen. Identität ist hier nicht nur etwas Symbolisches. Die jeweiligen Identitäten sind an ganz konkrete Lebensweisen geknüpft. Sie bedingen, wie und wen wir lieben und heiraten, wie und wo wir arbeiten, wie wir kommunizieren, auch was und wie wir denken.
Eine Metal-Identität unterscheidet sich signifikant von diesen herkömmlichen politischen, religiösen und kulturellen Identitäten. Denn Metal ist nicht mit einer bestimmten Lebensweise verbunden. Man kann im Metal Veganer oder Fleischesserin, progressiv oder konservativ, jung oder alt, Inländer oder Ausländerin sein – Metal ist mit alldem kompatibel, respektive hält Metal für jede Gruppe das passende Subgenre bereit. So kann man Teil der «Familie», der «Brotherhood» oder «Sisterhood», der «verschworenen Gemeinschaft» und der «Kirche» bleiben, ohne die je eigenen Vorlieben und Haltungen aufgeben zu müssen. Wenn Metal eine Kirche ist, dann eine Kirche des Polytheismus. Zwar gibt es offiziell nur einen Gott, eben Heavy Metal. Der aber ist nicht nur ziemlich liberal und schreibt niemandem vor, wie man zu leben hat. Er ist auch ein Gestaltwandler, bald bärtiger alter Mann, bald wütende junge Frau, mal nigerianischer Arbeiter, mal bayerische Finanzberaterin, hier von heller Hautfarbe, dort von dunkler.
Das Besondere der Metal-Identität ist damit, dass sie in erster Linie eine ästhetische ist. Was Metal-Fans verbindet, ist die gemeinsame Liebe zur Ästhetik ihrer Musik, zur Ästhetik der visuellen Gestaltung von Plattencovern und Bühnenbildern, zur Ästhetik der Liedtexte und nicht zuletzt zur Ästhetik der Kleidung. Weil sie keinen ideologischen Kern, kein religiöses Dogma und keine kulturelle Essenz hat, schafft die Ästhetik des Metal eine relativ offene Gruppenidentität, die weniger einengt und bevormundet als andere Gruppenidentitäten. Mit einem Begriff des Philosophen John Rawls basiert die Metal-Identität auf «überlappendem Konsens», nicht auf völliger Übereinstimmung. Und wenn man weiss, dass man in einer Hinsicht etwas gemeinsam, eben einen Konsens hat, sind Unterschiede in anderer Hinsicht leichter zu ertragen. Was Heavy Metal oft zum Vorwurf gemacht worden ist, nämlich seine weltanschauliche Unbestimmtheit, ist in Wahrheit sein Vorzug. Metal-Musik mag oft eisern sein. Die Metal-Identität ist es nicht.