Mit dem Altern in Jugendkulturen ist es so eine Sache. Wer den kulturellen Leidenschaften seiner Jugend bis ins hohe Alter frönt, läuft Gefahr, als peinlicher Berufsjugendlicher wahrgenommen zu werden. Wer sie hingegen aufgibt, gesteht unweigerlich ein, dass alles nur ein flüchtiger, hormonbedingter Spleen war. «Eine Phase», wie Eltern herablassend zu sagen pflegen. Auch Heavy Metal entstand in den 1970er-Jahren als Jugendkultur. Doch im Gegensatz zu anderen popkulturellen Szenen hat Heavy Metal kein Problem mit dem Älterwerden. Der Grund dafür ist ein paradoxer: Die Jugendkultur des Heavy Metal war niemals wirklich jung gewesen.

Von Beginn an war im Heavy Metal all das präsent, was in der Jugend für viele – idealerweise – noch weit entfernt ist: Tod, Krankheit, Siechtum, Verwesung. «Slowly we rot» (1989), wie es bei Obituary so schön heisst. Die Metal-Plattencover und sonstiges Bildwerk bevölkerten nicht gerade juvenile Untote, Geister, Zombies, Leichen, Fabelwesen. Man denke nur an Iron Maidens Maskottchen Eddie. Viele Metal-Songtexte drehten sich um Gewalt, Krieg und Apokalypse, um uralte Mythen und überzeitliche Mystik. Zur Abwechslung gab es ein wenig ältliche Sozialkritik (z.B. «Breaking the Law», Judas Priest, 1980). Kaum war Heavy Metal etabliert, entstand Death Metal mit einem Gesangsstil, der klang, als rängen die Musiker auf der Intensivstation mit dem Tod. Nur konsequent also, dass in den 1990er-Jahren auf Todesmetal Funeral Doom folgte.

Vergleicht man die Ästhetik des frühen Heavy Metal mit der des Hip-Hop, so ergibt sich ein geradezu klischeehafter Kontrast. Auf der einen Seite eine frühvergreiste und morbide Moderwelt, auf der anderen Seite eine junge, bunte, urbane und dynamische Modewelt voller Sporttrikots, Sneakers, sexy Körper und fresher Beats. Natürlich ist diese Gegenüberstellung stark vereinfacht. Auch im Hip-Hop gab es Apokalyptik und Düsternis. Aber was das jeweilige Image der beiden betrifft, besteht wohl kaum ein Zweifel, dass Hip-Hop die jugendlichere Jugendkultur war. Auch im Vergleich zu weiteren Jugendkulturen wirkt Heavy Metal greisenhaft. Ob Popper oder Raver, Skater oder K-Pop-Fans, alle haben sie ein jugendlicheres Image als Metal. Bezeichnend ist, dass Lemmy Kilmister, der mit Motörhead Heavy Metal den Weg bereitete, im Song «Capricorn» (1979) über sich selbst röchelte: «December’s child, the only one / What I do is what I’ve done / I realise, I get so cold / When I was young, I was already old.»

Dass Heavy Metal als unjugendliche Jugendkultur entstand, hat einen grossen Vorteil: Man kann in ihr und mit ihr entspannt altern, ohne peinlich zu wirken. Die Kultur des Heavy Metal eignet sich perfekt als eine generationenübergreifende. Sie befriedigt den juvenilen Drang nach Intensität, Rebellion und Ekstase, ohne dabei Boy-Group- und Girl-Band-Kitsch oder Forever-Young-Mythen zu bedienen, während sie zugleich das Endliche, Alte, Traditionelle, Ewige und Existenzielle würdigt. Wenn man als Metal-Fan im fortgeschrittenen Verfallsstadium beginnt, den Zombies auf den Plattencovern zu ähneln, dann ist das kein Makel, ganz im Gegenteil – das ist true! In jedem noch so jungen Körper steckt bereits ein Eddie, denn sterben und modern werden wir alle.